Es lebe Europa! oder die Sprache, die keiner versteht

Nur selten stehen Konferenzdolmetscher im Mittelpunkt eines Schauspiels. Neben Dokumentarfilmen gibt es einige wenige Kinofilme, jedoch so gut wie keine Theaterproduktionen.

Das Schauspiel ist eine solche Rarität, dass man gezwungen ist, genauer hinzuschauen beim Bühnenstück Es lebe Europa! von David Lescot [1], das in einer einmaligen Adaptation bei einem Kolloquium auf Einladung von AIIC Frankreich am 2. April in Paris aufgeführt wurde.

Der Autor geht davon aus, dass das Publikum vollständig aus Konferenzdolmetschern der europäischen Institutionen besteht. Es hätte ihn sicher sehr gefreut zu erfahren, dass sich das Publikum an diesem 2. April tatsächlich zu 99 Prozent aus Dolmetschern zusammensetzte, die aus Frankreich und anderen Ländern gekommen waren. Diese Dolmetscher werden zum Teil direkt von den Schauspielern angesprochen, die mal kritisch, mal lobend Europa sezieren, genauer gesagt, die europäischen Institutionen mit all ihrer Inkohärenz, Unverständlichkeit, Ineffizienz und der ewigen Wanderschaft.  

Als Konferenzdolmetscher und europäischer Beamter fühle ich mich sowohl angesprochen als auch verunsichert von diesem Werk von David Lescot. Er hat offenkundig gut recherchiert und beschreibt sehr genau die Umstände, unter denen seiner Ansicht nach die europäischen Vorhaben umgesetzt werden: mit ungenauen Zielvorstellungen, besessen von Political Correctness und begleitet von einer rein symbolischen Transparenz. Selbst die Musik - David Lescot ist selbst Komponist - kann zugleich als Universalsprache, als Plädoyer oder gar als Protest verstanden werden.

Der Autor geizt nicht mit anschaulichen Bildern aus grauer Vorzeit, mokiert sich über die völlig unzureichenden technischen Mittel, verspottet nebulöse Pläne und maßlos überzogene Ambitionen und verballhornt den bürokratischen Jargon. Alle diese zutreffenden oder unzutreffenden Bilder werden vor einem grotesken Gericht heraufbeschworen, in dem Europa als Erzeugerin einer neuen Sprache auftritt, die unter Achtung der anderen Sprachen doch größtenteils unverständlich bleibt für diejenigen, für die sie gedacht ist.    

Europa gewissermaßen als Protagonist des passiven wechselseitigen Verstehens, einer Kommunikationsform, bei der jeder, der seine eigene Sprache spricht, von allen anderen, die ihm zuhören, verstanden werden soll. Das Theaterstück demontiert übrigens glänzend diesen Wahn, als die Darsteller es einfach mal ausprobieren.  

Die europäische Sprache dringt nicht zu den Menschen durch, weil sie keine Zuhörer hat. Die Konferenzdolmetscher sind nichts weiter als die Stimme dieses Europa, das entrückt und überheblich daherkommt. Sie sind die einzigen, die der europäischen Sprache wirklich zuhören, um sie mit all ihren Nuancen, diversen Sprachebenen und Bedeutungen übersetzen zu können. Für das mangelnde Echo und den Fehlempfang sind nicht sie verantwortlich. Schon allein deshalb nicht, weil sie weder den Inhalt produzieren noch die Sprachenpolitik gestalten oder auf die vom Endabnehmer zu erbringende Leistung Einfluss nehmen können - das für jeden Dialog unverzichtbare Zuhören.  

David Lescot hat ein Stück über Europa geschrieben, so wie er es im Jahr 2007 sah. Äußerst geistreich und originell mischt er mehrere indo-europäische Sprachen [2] und Musik in der Dramaturgie. Die inhärenten Vorbehalte gegen diese unwirkliche Koexistenz werden analysiert, sorgfältig verarbeitet und gezielt in die Vorführung eingebaut.  

Es lebe Europa! zeichnet ein wenig schmeichelhaftes Bild von Europa und mobilisiert unmerklich die Dolmetscher, die stummen Zeugen. Es ist schon starker Tobak, wenn sie aus Pflicht gegenüber der Sache gewissermaßen zu Komplizen eines Vergehens werden, von dem Lescot sagen würde: eigentlich abscheulich, aber welch Wonne! 

David LescotDavid Lescot war so freundlich, mir in einem Telefoninterview einige Fragen zu beantworten.

Frage: Was hat Ihr Interesse an Europa 2007 geweckt? 

DL: Die Idee zu Es lebe Europa! ist mir nach dem Volksentscheid über die europäische Verfassung in Frankreich gekommen. Ich fühlte mich betroffen und habe mich informiert. Zum europäischen Gedanken gehört auch eine gefühlsmäßige Beziehung. In Frankreich überwiegen die innenpolitischen Probleme, und deshalb ist eine Bewegung hin zur supranationalen Ebene zum Scheitern verurteilt. Die Bürger haben keinen Einblick in das Räderwerk, die verzwickten Wege großer bürokratischer Apparate, aber für mich schreit das geradezu nach Komödie.

Frage: Wie erklären Sie das Desinteresse der Bürger an Europa: ist es mangelndes Wissen oder fehlende Kommunikation?   

DL: Die Bürger wissen zu wenig über die europäischen Institutionen und können sie nicht voneinander unterscheiden. Die Institutionen haben gute Ideen, aber der Bürger fühlt sich übergangen. In Frankreich beziehen sich alle Reaktionen auf den rein französischen Kontext. Das Jahr des Dialogs, das auf die Volksabstimmung folgte, verstrich unbemerkt, denn kein Mensch hat je etwas davon gehört, und das ist einfach absurd. So blicken die Bürger mit Argwohn auf die europäischen Institutionen und betrachten sie als hermetisch geschlossene Festungen.  

Frage: Haben Sie persönliche Eindrücke von Dolmetschern und der Verdolmetschung gesammelt?   

DL: Ich bewundere Dolmetscher als Wort- und Denkkünstler. Eine Katalanisch-Dolmetscherin hat mich einmal sehr beeindruckt, denn sie konnte wahrhaftig meine Gedanken lesen und hat diese besser und mit weniger Worten ausdrücken können als ich selbst.  

Auf der Bühne setze ich mehrere Sprachen ein, vermeide aber Untertitel, indem ich die Texte aufteile. So wird beispielsweise ein französischer Monolog zum Teil von einem italienischen oder russischen Schauspieler in seiner Sprache vortragen. Oder ich spiele manchmal auch auf Spanisch, weil es mir wichtig ist, etwas mit anderen zu teilen, und zwar in ihrer Sprache.   

Frage: Wussten Sie, dass Dolmetscher mehr als eine Sprache übersetzen?

DL: Natürlich. In Es lebe Europa! führe ich die Frage der Sprachenkombinationen ad absurdum.   

Frage: Nimmt für Sie als Komponist die Musik in Ihrem Werk einen besonderen Platz ein?  

DL: Bevor ich zum Theater kam, habe ich Musik gemacht. Theater mache ich, weil es ein größeres Spektrum der Möglichkeiten, mehr Freiheit, Erzählstoff und Schauspiel bietet. Mich fasziniert der Rhythmus der Sprachen.  

Ich bin ein ausgebildeter Trompeter und habe vor allem Jazzmusik komponiert. Mein besonderes Interesse gilt der Volksmusik Osteuropas.  

Deutsche Fassung von Babette Siebel.

[1] Originaltitel: L'Européenne, David Lescot, Actes Sud-Papiers, 2007, Großer Bühnenliteraturpreis 2008. Es lebe Europa! wurde unter der Regie des Autors im Mai 2009 an der Comédie de Reims aufgeführt und anschließend beim NapoliteatroFestival in Neapel, am Théâtre de la Ville in Paris, am TNBA in Bordeaux, am Grand T in Nantes, am Théâtre de L'Union in Limoges und im La Halle aux Grains in Blois gespielt.

[2] Deutsch, Englisch, Polnisch, Portugiesisch und Slowakisch.  



Recommended citation format:
Michel LESSEIGNE. "Es lebe Europa! oder die Sprache, die keiner versteht". aiic.ca June 17, 2011. Accessed January 19, 2018. <http://aiic.ca/p/3648>.